Die Bedrohungslagen werden vielfältiger und vernetzter. Interview mit Daniel Hiller, Geschäftsfeldleiter Sicherheit und Resilienz am Fraunhofer EMI
»Resilienz ist die Schlüsselkompetenz unserer Zeit«
Cyberangriffe auf Stromnetze, Extremwetter, Terrorangriffe mit Fahrzeugen – die Bedrohungslagen werden vielfältiger und vernetzter. Wie sich Städte, Landkreise und kritische Infrastrukturen besser schützen lassen, erforscht das Fraunhofer EMI. Im Interview spricht Daniel Hiller, Geschäftsfeldleiter Sicherheit und Resilienz und seit kurzem auch Vorsitzender des Umsetzungsbeirats der Nationalen Plattform Resilienz, über aktuelle Herausforderungen – und warum gute Pläne allein nicht reichen.
Herr Hiller, Sie wurden kürzlich zum Vorsitzenden des Umsetzungsbeirats der Nationalen Plattform Resilienz gewählt. Was bedeutet diese Aufgabe für Sie – und für das Fraunhofer EMI?
Daniel Hiller: Ich sehe die Wahl als Bestätigung, dass wissenschaftlich fundierte Resilienzanalysen heute auf politischer Ebene gefragt sind. Für das Fraunhofer EMI ist es zugleich eine große Chance: Wir bringen jahrzehntelange Erfahrung ein – von der technischen Resilienz bis zur Bewertung komplexer soziotechnischer Systeme. Der Umsetzungsbeirat ist genau die Schnittstelle, an der Forschung, Politik und Praxis zusammenkommen, damit aus guten Konzepten wirksames Handeln wird.
Das Jahr war wieder von Krisen geprägt – von Angriffen auf das Berliner Stromnetz und Flughäfen bis zu Waldbränden und Hochwasser. Warum ist Resilienz gerade jetzt so zentral?
Daniel Hiller: Weil unsere Welt immer noch vernetzter und damit verwundbarer ist als je zuvor. Ein Angriff auf das Stromnetz legt binnen Stunden Kommunikation, Lieferketten und Produktion lahm. Im Sommer bringen Starkregen und Hitzewellen ganze Kommunen an ihre Belastungsgrenzen. Resilienz bedeutet, Störungen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Das ist kein Randthema mehr, sondern eine strategische Zukunftsaufgabe für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und absehbar ist: die Schocks und Stressoren werden absehbar weiter zunehmen in ihrer Frequenz und Qualität.
Seit Januar 2026 gilt das KRITIS-Dachgesetz. Rund 30 000 Betreiber müssen Resilienzpläne vorlegen. Was verändert das?
Daniel Hiller: Es erzeugt einen enormen Bedarf an belastbaren Bewertungsmethoden. Betreiber müssen nachweisen, wie sie ihre physische Widerstandsfähigkeit konkret verbessern – dafür braucht es Werkzeuge, die Risiken sichtbar und handhabbar machen. Was sich dabei immer wieder zeigt: Informationen und Daten über vorhandene Maßnahmen und Ressourcen sind meist vorhanden, aber sie liegen verteilt vor, Absprachen laufen übers Telefon, und das große Bild fehlt. Zudem fehlt es oft an quantitativ belastbaren Aussagen über die Wirksamkeit verschiedener Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen. Umso mehr, wenn diese im Verbund, bzw. in der Kombination unterschiedlicher Maßnahmen und Technologien ein übergeordnetes Schutzniveau erreichen sollen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Bild herzustellen – und zwar so, dass Entscheidungsträger in einer Krise tatsächlich damit arbeiten können.
Das Fraunhofer EMI ist fest in Freiburg und der Region verwurzelt. Wo wird das konkret spürbar?
Daniel Hiller: Zum einen in Projekten, die wir mit Partnern vor Ort umsetzen. Beispielsweise haben wir Im Projekt »Freiburg RESIST« gemeinsam mit der Stadt ein integriertes, digitales Resilienz-Managementsystem für Großveranstaltungen entwickelt. Wer schon einmal beim Faschingsumzug oder auf dem Weihnachtsmarkt in den engen Gassen der Innenstadt unterwegs war, kennt die Herausforderung: Wo bewegen sich große Menschenmengen, sind die Wege im Ernstfall geeignet, kommen Rettungskräfte schnell genug durch? Wir entwickeln Werkzeuge, die auf Basis eines digitalen 3D-Stadtmodells berechnen, wie gut Warnanzeigen sichtbar und Lautsprecherdurchsagen hörbar sind – ergänzt durch ein datenschutzfreundliches Personendichte-Monitoring, das Prognosen zu Personenströmen und drohenden Engstellen liefert.
Was wir hier unter realen Bedingungen erproben, lässt sich auf andere Städte übertragen. Und das gilt natürlich auch umgekehrt: Erkenntnisse aus anderen Projekten kommen direkt den Menschen hier in der Region zugute.
Ein leider hochaktuelles Beispiel sind Fahrzeuganschläge auf Menschengruppen. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine Software entwickelt, die erstmals ein präzises Bild der Gefahrenzonen hinter mobilen Fahrzeugsperren liefert. Stadt- und Veranstaltungsplaner können damit Schutzbarrieren so positionieren, dass sie bestmöglich wirken – egal ob in Freiburg, Hamburg oder München.
Ein ganz anderes Beispiel: Im kürzlich gestarteten Projekt »RegioGuard-PRO« entwickeln wir ein System, das Feuerwehr, Rettungskräfte und Kommunen in Extremsituationen entlasten soll. Das Prinzip: Alle relevanten Informationen laufen in Echtzeit an einem Ort zusammen, statt wie bisher verteilt über Telefon und Excel-Listen. Eine KI erkennt dabei frühzeitig, wenn sich Probleme aufschaukeln – etwa, wenn Stromausfall und Straßensperrungen gleichzeitig ein Pflegeheim abschneiden.
Sie arbeiten gleichzeitig an konkreten lokalen Projekten und gestalten die nationale Resilienzagenda mit. Wie bedingen sich diese beiden Ebenen?
Sehr direkt – und in beide Richtungen. Was wir in Freiburg und in der Region unter realen Bedingungen erproben, schärft unseren Blick dafür, was auf nationaler Ebene wirklich gebraucht wird. Und umgekehrt bringt die Arbeit in der Nationalen Plattform Resilienz Impulse zurück in die Projekte vor Ort. Reine Konzeptarbeit ohne diesen Praxisbezug greift zu kurz – und umgekehrt bleibt lokales Handeln ohne den größeren Rahmen oft wirkungslos. Diese Verbindung ist für mich kein Nebenprodukt, sondern das Herzstück unseres Ansatzes.
Als Vorsitzender des Umsetzungsbeirats haben Sie nun auch Einfluss auf die nationale Agenda. Was wäre für Sie ein konkreter Erfolg – in fünf Jahren?
Dass Resilienz kein Papierthema mehr ist. Heute haben viele Betreiber und Kommunen Pläne in der Schublade – aber im Ernstfall greift niemand darauf zurück, weil sie zu abstrakt sind oder die Systeme nicht zusammenspielen. Mein Ziel ist, dass wir in fünf Jahren eine Infrastruktur haben, in der Daten fließen, Zuständigkeiten klar sind und Entscheidungsträger in einer Krise innerhalb von Minuten ein verlässliches Lagebild haben. Daran arbeiten wir jeden Tag.
Vielen Dank für das Gespräch!