Unabhängigkeit im Weltraum. Interview mit Prof. Dr. Frank Schäfer, Geschäftsfeldleiter Raumfahrt am Fraunhofer EMI

»Satelliten werden zur Massenware – und das ist eine Riesenchance für Deutschland«

Interview /

Die Raumfahrtbranche steht vor einer Zeitenwende. Während die Vereinigten Staaten von Amerika und China weiterhin dominieren, investieren immer mehr Nationen gezielt in eigene Kompetenzen und Fähigkeiten. Diese Initiativen sind Teil einer breiten Strategie, mit der die eigene technologische Souveränität gestärkt und die nationale Sicherheit gewährleistet werden soll. Prof. Dr. Frank Schäfer erklärt, warum Deutschland jetzt handeln muss – und welche Rolle Fraunhofer dabei spielt.

© Fraunhofer EMI
Forschung für innovative Satellitenanwendungen: Prof. Dr. Frank Schäfer entwickelt mit seinem Team Technologien für Kleinsatelliten und neue Ansätze für Missionskonzepte in Erdbeobachtung und Wissenschaft. Im institutseigenen Satellitenlabor haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch Kleinsatellit ERNST entwickelt.

 

Herr Prof. Schäfer, die Bundesregierung will bis 2030 rund 35 Milliarden Euro in Weltraumprojekte investieren. Ist Deutschland auf diesen Wandel vorbereitet?

Frank Schäfer: Technologisch ja – industriell noch nicht. Deutschland hat exzellente Raumfahrtunternehmen, einen starken Mittelstand und eine lebhafte Startup-Szene. Was uns heute fehlt, sind die Produktionskapazitäten, um Satelliten in Serie zu fertigen. Wir haben jahrelang hochspezialisierte Einzelanfertigungen produziert – das war richtig für die damalige Zeit. Aber der Markt hat sich fundamental verändert.

 

Inwiefern?

Frank Schäfer: Satelliten werden zur Massenware. Die Bundesregierung hat 2025 den Aufbau mehrerer großer Satellitenkonstellationen für die Bundeswehr angekündigt – mehrere hundert neue Satelliten sollen in den kommenden Jahren in den Orbit. Das ist eine Zeitenwende. Und sie verlangt eine industriepolitische Antwort, keine wissenschaftliche.

Hat Deutschland die Voraussetzungen, diese Antwort zu geben?

Frank Schäfer: Durchaus. Denken Sie an die deutsche Zuliefererindustrie: Sie beherrscht Hochvolumenfertigung, komplexe Lieferketten, Logistik auf Weltklasseniveau. Laut einer Studie von Roland Berger sehen zwei Drittel der mittelständischen Zulieferer großes Potenzial im Verteidigungsbereich, ein Drittel in der Luft- und Raumfahrt. Das sind genau die Fähigkeiten, die eine industrielle Raumfahrt der Zukunft braucht – und die in der klassischen Raumfahrt bislang kaum eine Rolle gespielt haben.


Wo setzt das Fraunhofer EMI konkret an?

Frank Schäfer: Wir schlagen die Brücke zwischen Forschung und operationeller Anwendung. Im Sommer 2024 haben wir unseren Forschungssatelliten ERNST erfolgreich ins All gebracht. Er demonstriert seither aus dem Orbit die Detektion startender Raketen – mit einer kryogen-gekühlten Infrarotkamera. Die Erfahrungen aus Entwicklung, Bau und Betrieb fließen direkt in neue Industriepartnerschaften ein.

© Fraunhofer EMI
Erdbeobachtungssatelliten sammeln große Datenmengen, während die Übertragungskapazitäten zur Erde begrenzt sind. DPUs speichern, werten und komprimieren diese Daten direkt im Satelliten – effizient und zuverlässig.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Frank Schäfer: Gemeinsam mit Industriepartnern arbeiten wir daran, Satellitenkomponenten zur industriellen Serienreife zu bringen. Das ist exemplarisch für das, was wir brauchen: Forschungsstärke trifft auf industrielle Umsetzungskraft.

Daneben entwickeln wir seit Jahren eigene Datenprozessierungseinheiten – die DPU, das »Gehirn« von Kleinsatelliten. Sie verarbeitet Satellitendaten autonom an Bord und ermöglicht bereits heute KI-basierte Anwendungen im Orbit, etwa die Wolkenerkennung für Erdbeobachtungsmissionen. Dieses Forschungsprodukt ist mittlerweile schon in mehreren Satelliten verbaut, das ist ein großer Transfer-Erfolg.

 

 

Welche weiteren Themen treiben Sie um?

Frank Schäfer: Zwei Felder sind mir besonders wichtig: Erstens die Nutzung der wachsenden Erdbeobachtungsdaten. Mit unserem Planungstool »Earth Observation Toolbox« (EOx) helfen wir Anwendungsbereichen wie Klimaforschung, Landwirtschaft oder Katastrophenschutz, in der Flut möglicher Quellen für Satellitendaten Orientierung zu finden. Zweitens die Sicherheit im Orbit. Mit steigender Satellitenzahl wächst das Kollisionsrisiko. In unserem Projekt EMI-FragS untersuchen wir, welche Trümmerwolken bei der Kollision von Satelliten entstehen und untersuchen auch die Schäden, die selbst kleinste Trümmerfragmente bei orbitalen Geschwindigkeiten anrichten können – experimentell und durch numerische Simulation.
 

Was ist Ihre Botschaft an Entscheider aus Wirtschaft und Politik?

Frank Schäfer: Jetzt ist der Moment, Allianzen zu schmieden. Für eine industriell skalierbare Satellitenfertigung braucht es den engen Schulterschluss von Politik, Wirtschaft und Forschung. Das Fraunhofer EMI ist bereit, diesen Wandel aktiv mitzugestalten – als Bindeglied zwischen Innovation und industrieller Skalierung. Mit dem klaren Ziel: Deutschlands und Europas Unabhängigkeit und Sicherheit im Weltraum nachhaltig zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch.

© KI-generiert mit Google Nano Banana 2
Um Satelliten im industriellen Maßstab fertigen zu können, fehlen Deutschland heute die entsprechenden Produktionskapazitäten. Fraunhofer stärkt die Industrie als Forschungs- und Entwicklungspartner im Raumfahrtbereich und treibt Transformation sowie Skalierung von Fertigungsprozessen voran. Die KI-generierte Darstellung eines NewSpace Acceleration Hubs veranschaulicht, wie eine enge Kooperation zwischen Fraunhofer und Industrie den Technologietransfer beschleunigen kann.